Religionsunterricht – ein Unterrichtsfach wie jedes andere?

Ob dem so ist oder nicht, darüber mag man kurz nachdenken.

Zweifellos gibt es eine Besonderheiten dieses Faches. Immerhin ist es das einzige Unterrichtsfach, das im Grundgesetz der Bundesrepublik erwähnt wird: Dort heißt es in Artikel 7:

Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.

Dem folgen auch die sächsische Verfassung (Artikel 105) und das Schulgesetz für den Freistaat Sachsen (§§18-20).

Die Gründe für diesen außergewöhnlich hohen rechtlichen Status des Religionsunterrichts sind sicherlich historische. Während der beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts war der Religionsunterricht aus den Schulen verbannt. Sowohl das Grundgesetz als auch die Verfassung unseres Freistaates haben mit einem klaren Ja zum Religionsunterricht ihre Abkehr von den jeweils vorher herrschenden Diktaturen bekundet.

Nun kann man sich fragen, ob all das noch zeitgemäß ist. Die Abkehr von den Unrechtsstaaten auf deutschem Boden ist das eine – und unbestritten, aber sind nicht die Herausforderungen unserer Zeit ganz andere? Soll in einem modernen Schulsystem, das Antworten zu geben hat auf Globalisierung, Marktmechanismen und eine noch nie da gewesene Wissensexplosion Religionsunterricht eine Rolle spielen? Wollen und können wir uns das leisten?

Hierzu sei im Horizont der PISA-Debatte geantwortet. Der Religionsunterricht wird hier -bemerkenswerterweise von Erziehungswissenschaftlern- für unverzichtbar gehalten. Der Bildungsbegriff der PISA-Studie fragt für alle Unterrichtsfächer kritisch nach Begründungen. Und der Ansatz ist einleuchtend: Die Komplexität menschlicher Bildung kann in bestimmte Bereiche aufgefächert werden, sogenannte Domänen. Eine Domäne ist ein unverwechselbarer Bereich menschlichen Wissens und menschlicher Kultur, genauer gesagt eine spezifische Weise, wie sich Menschen die Welt erschließen. Ziel der Bildung ist es nun, den Menschen kompetente Teilhabe an allen Kulturbereichen zu eröffnen, sie zu befähigen, sich alle Dimensionen des Weltverstehens zu erschließen. Ein Unterrichtsfach ist dann angemessen, wenn der Inhalt des Faches unzweifelhaft einer eigenen Domäne zugeordnet werden kann und nicht durch einen anderen Wissensbereich substituiert werden kann. (Die PISA-Studie spricht von der „Orientierungswissen vermittelnde(n) Begegnung mit kognitiver, moralisch-evaluativer, ästhetisch-expressiver und religiös-konstitutiver Rationalität.“)

Kompetenz im Bereich der Biologie kann nicht durch Wissen in Mathematik oder Musik, Kompetenz in Fremdsprache kann nicht durch Informatik ausgetauscht oder ersetzt werden. Und unbestritten ist Religion, sind Religionen solch eine spezifische Kulturleistung menschlicher Existenz, eine unverwechselbare Perspektive der Welterschließung. Folglich gibt es auch ein Unterrichtsfach, das der unverwechselbaren Identität dieses Bereiches menschlichen Lebens entspricht. Oder kurz gesagt: Es gibt Religionsunterricht, weil es Religion gibt.

Wie relevant ein kompetenter Umgang mit Religion und Religionen ist, wird angesichts ihrer Rolle für das Miteinander in einer globalisierten Welt zusehends deutlicher. Nicht umsonst sprechen Soziologen von der »Rückkehr der Religionen«.

Ausgangspunkt für die konkrete Gestaltung des Religionsunterrichtes sind die Schüler.

Der evangelische Religionsunterricht ist dabei grundsätzlich für alle Schülerinnen und Schüler offen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft.

Dabei richtet sich das Augenmerk gleichermaßen sowohl auf Schülerinnen und Schüler, die mit konfessionellem Hintergrund, mit einer persönlichen Religiosität in den Religionsunterricht kommen, als auch auf konfessionslose Schülerinnen und Schüler, die ohne eigene Erfahrung in religiösen Fragen in den Religionsunterricht kommen, ja diesen nutzen möchten, um sich genau in diesem Horizont zu bilden und eine eigene Position zu erarbeiten.

Den beiden Schülergruppen entsprechend lassen sich zwei Hauptfunktionen des Religionsunterrichtes benennen, die er mit seiner Bezugswissenschaft, der Theologie, teilt:

Zum einen hat der Religionsunterricht eine kritische Funktion: er ist der Ort, an dem Fragen des persönlichen Glaubens, Fragen nach Sinn und Funktion von Kirche aber auch Fragen nach anderen Religionen kritisch reflektiert werden. Hier geht es darum, dass auch der Bereich der Religiosität in den Horizont der logischen und fairen Auseinandersetzung, der argumentierenden Diskussion hinein genommen werden: Schüler sollen hier ihre Sprach- und Entscheidungsfähigkeit weiterentwickeln, Ziel ist die entwickelte Mündigkeit in religiösen Fragen.

Zum anderen hat der Religionsunterricht eine kommunikative Funktion. In einer säkularen Umwelt ist es wichtig, die Inhalte und Riten des Glaubens, die Hoffnungen und Werte religiöser Menschen verstehbar nichtreligiösen Menschen mitzuteilen. Hier spielen konfessionell nicht gebundene Schüler aber nicht nur als Adressaten eine Rolle, vielmehr sind sie als kritische Frager eine Garantie, dass der Diskurs im Religionsunterricht sich nicht mit Halbwahrheiten zufrieden gibt.

So können zusammenfassend drei Gründe genannt werden, die für den Besuch des Religionsunterrichts als eines ordentlichen Lehrfachs sprechen (Siehe: Christian Grethlein/ Helmut Hanisch: Religionsunterricht, Informationen zu einem neuen Unterrichtsfach im Osten, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 1995, S. 10)

- Kulturgeschichtlich gesehen werden Kinder und Jugendliche über Christentum und Religion informiert, um so das eigene Land, dessen Kultur und Geschichte besser zu verstehen. Dabei kann die Rolle, die das Christentum für die kulturelle Tradition unserer Heimat spielt, kaum überschätzt werden: soll eine Altstadt, ein Dom, eine Gemäldegalerie, ein Konzert oder ein Theater besucht werden, soll ein Werk von Goethe oder Thomas Mann gelesen werden – immer werden ohne Vertrautheit mit christlicher Tradition Schlüssel zur Interpretation fehlen, werden die Zeugnisse der Vergangenheit, die Wert stumm und unverstanden bleiben. Die Befähigung zur kulturellen Teilhabe ist Voraussetzung für Lebensqualität in diesem Sinne.

- Weltanschaulich-ethisch erfahren die Schülerinnen und Schüler Orientierung, indem sie sich mit einem Erwachsenen über wichtige Fragen des Lebens und seiner Gestaltung austauschen.

- Religiös gewinnen die, die am Religionsunterricht teilnehmen, Gesichtspunkte, um religiöse Angebote der Gegenwart für ihr eigenes Leben kritisch zu beurteilen. Zugleich werden die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, sich mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit über Fragen der Lebensorientierung auszutauschen.

10 Thesen des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland zum Religionsunterricht

Die (staatlichen oder kirchlichen) Lehrkräfte des Faches haben im Zuge ihrer Ausbildung Theologie studiert, sind Mitglieder der Kirche und sind von der Kirchenleitung zur Erteilung des Religionsunterrichtes beauftragt worden (Vokation). Für die Inhalte des Religionsunterrichts ist die Kirche verantwortlich, die staatliche Aufsichtsbehörde hat die Pflicht, darüber zu wachen (z.B. durch die staatlichen Fachberater). Die enge Bindung des Religionsunterrichts an die Kirche hat mehrere Gründe. Zum einen wehrt dies der Gefahr, dass Lehrkräfte nach Gutdünken ihre private religiöse Auffassung an die Kinder und Jugendlichen weitergeben. Zum anderen garantiert es aber, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Religionslehrkraft ein kompetentes Gegenüber für die kritische Auseinandersetzung finden: Es ist die Grundüberzeugung des Religionsunterrichtes, das eine vermeintlich »objektive« Auseinandersetzung mit dem Thema Religion und Religiosität immer ins Leere läuft, wenn sie nicht untersetzt ist vom persönlichen Zeugnis. Die Religiosität des Religionslehrers ist der Garant dafür, dass Schüler im Unterricht konkret erleben könne, was Religion im Leben eines Menschen bedeuten kann, der Religionslehrer ist Zielscheibe kritischer Anfragen und Ausgangspunkt eigener Auseinandersetzung. Gerade religionsferne Schüler haben die Möglichkeit mit gelebter Religion konfrontiert zu werden. Versuchte man dieses persönliche Dimension von Religion auszuschalten, wäre das Ergebnis eine merkwürdige Sammlung toter Absonderlichkeiten, und die Rede die des Blinden über die Farbe, die des Tauben über die Musik.

Dies ist nicht zu verwechseln mit ideologischer Beeinflussung oder Indoktrination. Von seinem Ansatz her ist der Religionsunterricht auf Dialog hin ausgerichtet. Das zeigen schon seine Lehrpläne. Sie laden zu einem Dialog mit anderen Weltanschauungen und Weltreligionen ein. Gemeinsam mit ihnen fragt der christliche Glaube nach Wahrheit und vertritt in diesem Dialog einen Standpunkt, der durch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus bestimmt ist. Dies steht nicht im Gegensatz zu dem dialogischen Anliegen, vielmehr setzt ein echter Dialog klare Standpunkte voraus, mit denen man sich auseinander setzen kann. Die uns heute herausfordernden globalen Probleme sind nur in einem solchen Dialog zwischen Nationen, Kulturen und Religionen zu lösen. Dafür will der Religionsunterricht eine Voraussetzung schaffen, indem er Schülerinnen und Schüler mit den unsere Kultur prägenden christlichen Wurzeln vertraut macht und sie Achtung und Verstehen anderer Denkansätze lehrt.

Siehe auch: Flyer Religionsunterricht in Sachsen
 
Alexander Dinter

Religionslehrer am Wiprecht-Gymnasium Groitzsch
Letzte Aktualisierung: am 19.12.2014 - 10:03 Uhr durch Karla Korb