L'image de l'autre - Das Bild des Anderen - Schüleraustausch 1.0

 

„Ein Bild sollte für mich immer dekorativ sein.

Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen.“ Henri Matisse

 

Auch 21 künstlerisch-aktive Wiprechtianer machten sich auf den Weg, um die Kunst auf den Spuren von Henri Matisse nicht nur zu denken, sondern sie beim Zeichnen und Betrachten von Bildern zu fühlen. Und so begann die große Reise vom 9. bis zum 15. März.

Voller Freude ging es in den abendlichen Stunden los. Die Mission startete: die französische Sprache und Kultur erkunden und die Kunst dieses Landes entdecken.

Von Groitzsch aus ging es auf die große Reise in die französische Ferne nach Vence, einem mediterranen Ort in der Nähe von Nizza und nur 10 km vom Mittelmeer entfernt. Schlaflos durch die Nacht: Rasante Fahrten durch die Berge, Partystimmung im Bus, Vokabelauffrischung und „Mentalitätstraining“ begleitet von den Filmen „Willkommen bei den Schti's“ und „LOL“. Umso erschöpfter waren wir, als wir endlich nach 16 Stunden langer Fahrt ankamen.

Tatsächlich war die Stadt noch schöner, als wir es uns hätten vorstellen können. Palmen an jeder Ecke, verspielte, viel zu enge Gassen, Berge und Täler so weit das Auge reichte und fast schon „tropisches“ Wetter für die Kälte gewohnten Deutschen. Urlaubsfeeling war garantiert!

Erstes Ausflugsziel war unsere Ersatzschule, das Lycée Henri Matisse de Vence, wo unsere Korrespondenten schon sehnsüchtig auf uns warteten. Viel zu müde begegneten wir uns zum ersten Mal, anfangs jedoch mit „leichten“ Berührungsängsten. Doch das Eis zwischen Franzosen und Deutschen war schnell gebrochen. Mit einigen Spielen lernten wir die Gruppe und besonders unsere Gastschwester oder unseren Gastbruder näher kennen. Doch dafür hatten wir gar nicht all zu viel Zeit, denn unser Wochenplan machte sich bemerkbar: „ 14 Uhr: Vence entdecken“. Erkundungen durch den Stadtkern und ein Exkurs durch die französische Kultur starteten: Boulespieler an jeder Ecke, typische Baskenmützen, mediterraner Baustil, Märkte mit Olivenpasten, Lavendelhonig und gutriechendem Camembert, immer begleitet von einem Blick in die Berge und Täler. Fotos wurden natürlich zur Genüge geschossen, um die einzigartigen Impressionen festzuhalten.

Anschließend folgte unser erster Kunstausflug in die Chapelle de Matisse! Ein ehrwürdiges, heiliges Kunstmonument, welches Matisse 1948-1951, fast schon am Ende seines Lebens, konstruierte. Typisch für den Künstler: Farbe und Form werden getrennt. So sieht man an der einen Wand die von Blumen umrahmte Maria mit dem Jesuskind, nur mit Linien gestaltet, und auf der anderen Seite blau, grün und gelb gefärbte Fenster, welche die Kapelle in „göttliches Licht“ färben. Eine anschließende Ausstellung mit einigen Werken Matisse`, machte uns mit seiner Kunst noch vertrauter.

Next step: Gastfamilien kennenlernen. Die Aufregung stieg bis ins Unendliche. Kurz gingen wir noch mal die wichtigsten Dinge durch: Koffer, Rucksack, Sprache – check! Trotzdem wurden wir das erste Mal so richtig mit der französischen Sprache konfrontiert, denn die meisten Familien sprachen nur ihre Muttersprache. Beim gemeinsamen, für uns lang erscheinenden, 3 Gänge Menü am Abend, war Zeichensprache ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation am Tisch. Und was wir schon am ersten Tag schnell bemerkten: Kunst und Fremdsprache im deutschen Schulunterricht ist das Eine. Es in vor Ort zu erleben ist etwas vollkommen Anderes und sehr beeindruckend. Mais ce n'était pas un problem pour les Allemands! J

Endlich ausgeschlafen, starteten wir gut gefrühstückt in den nächsten Tag! Jetzt hatten wir die erste Chance, den französischen Schulalltag kennenzulernen. Wieder eine neue Erkenntnis: Die Schule startet 8 oder 9 Uhr und endet erst 16, 17 oder 18 Uhr! Das erschien uns verwöhnten Frühaufstehern, die schon 14.30 Uhr nach Hause und ihre Freizeit genießen können, viel zu lang. Was kann man denn noch vom Abend erwarten? Essen und dann Schlafen? Falsch gedacht, wie sich später noch zeigen sollte.

Die Schule an sich war ein kleines Abenteuer - Palmen, wohin das Auge reichte, aber durch die Zäune und ein großes Eisentor, welches sich nur in den Pausen öffnete, fühlte man sich wie im Gefängnis. Ein strikter Dress Code, der das Tragen von Hotpants verbietet, aber Miniröcke hingegen waren erlaubt! PCs unter den Schultischen, aber ein undichtes Dach - so entdeckten wir auch weiterhin immer wieder etwas Neues.

10.30 Uhr besuchten wir eine Ausstellung in Vence, die zufälligerweise gerade über unsere Leitfigur Matisse stattfand. Künstlerische Aufgaben unserer zwei Kunstlehrer gab es zu jeder Exkursion zur Genüge und wir hatten die einmalige Chance, sehr bekannte Werke im Original zu sehen.

Zurück in der Schule stand unser erster Kantinenbesuch an. Gemeinsam mit unseren Korrespondenten aßen wir das erste Mal in einem solch großen, französischen Essensraum. Gut gestärkt besuchten wir anschließend die Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence. Ein grüner Irrgarten mit Skulpturen, Keramiken, Mosaiken und Wandmalereien, Brunnen, Terassen und Austellungsräumen.

Die Maeght Stiftung ist wegen der Architektur berühmt und beherbergt eine der reichsten Sammlungen europäischer moderner Kunst. Die großen Gärten machen die Fondation Maeght zu einem idealen Platz, die großen Künstler der Moderne zu entdecken. Nach einer bildnerisch-praktischen Erkundungstour durch Saint-Paul de Vence kamen wir wieder an der Schule an und unsere Korrespondenten führten uns nach Hause. Aber „der Abend ist noch jung, wir wollen was erleben!“ scheint wahrscheinlich das Motto der französischen Jugend zu sein. Ziel war eine Pizzeria in Cagnes-sur-Mer, direkt am Strand gelegen! Endlich fuhren wir Richtung Mittelmeer!! Gegessen wurde reichlich und um den Abend perfekt enden zu lassen, gab es eine kleine Gitarren- und Lagerfeuersession mit Blick aufs Meer.

Die Tage vergingen wie im Fluge, doch wir wollten noch lange nicht gehen. Am nächsten Tag sollte es nach NIZZA gehen! Nice, Nice, Nice, nous aimons Nice!

8.30 Uhr fuhren wir also gemeinsam mit unseren französischen Korrespondenten in die schöne Stadt an der Cote-d'Azur. Erstes Ziel war die Villa Arson , das nationale Zentrum für zeitgenössische Kunst, bestehend aus Kunstmuseum, einer Elitehochschule,  einer Mediathek und Unterkünften für Stipendiaten. Dank eines Künstlers, der gemeinsam mit uns auch am Wiprecht-Gymnasium das Fugitif-Projekt leitet und selbst an dieser Uni studierte, gewannen wir Einblick in alle Ateliers, sahen die Franzosen beim Werkeln „live in action“ und bekamen Insiderinformation über das Leben in Nizza.

Von Fotografie, über Keramik bis zu Schneidereien und Holzwerkstätten, gab es alles was man sich als angehender Künstler nur wünschen kann. Dabei hat man an dieser Kunstuniversität die Möglichkeit, in alle künstlerischen Handwerksbereiche hineinzuschnuppern und muss sich nicht sofort festlegen bzw. spezialisieren. Der vom Brutalismus geprägte Baustil der Villa Arson beinhaltet Häuser, Gärten und Terrassen. So ist es kein Wunder, im ruhigen Grün der angrenzenden Stadt gelegen, Anregungen für die Kunst zu bekommen.

Auf das nächste Ereignis hatten wir uns schon im Vorfeld der Studienfahrt gefreut: Strand, Sonne, Meer! Dabei trauten sich nach einem gemeinsamen Lunch bei McDonalds sogar einige Mutige in das kalte Nass. Für Franzosen unbegreiflich, da das Mittelmeer im März die kälteste Temperatur erreicht. Doch für gewohnte Ostseebader noch lange kein Problem!

Entspannt und ausgeruht, setzte sich die Sightseeingtour fort. Die Kunst rief uns in das Museum für Moderne Kunst Nizza (MAMAC). Skulpturen und Malerei wohin das Auge reicht und auch der Ausblick von der Terrasse mit Blick auf die bald untergehende Sonne über dem Mittelmeer war ein Augenschmaus.

Einige hatten am Abend sogar noch die Chance, Nizza gemeinsam mit ihren Korrespondenten weiter zu entdecken und das ein oder andere Eis an einem Sommertag im März zu genießen. So hieß es auch Souvenirs und Shopping, damit auch die Eltern und Freunde zu Hause etwas „Frankreich“ abstauben konnten.

Doch wie schon erwähnt, fängt der Tag bei unseren französischen Freunden am Abend erst so richtig an, weshalb wir uns alle noch einmal im Café des Stadtkerns von Vence trafen. Immer nach dem Motto: „Bis zum Morgengrauen, völlig egal ob ich morgen meine Facharbeit abgeben muss!“ Doch irgendwann fanden wir uns am Ende des Tages doch in den weichen Federn der Gastbetten wieder, in denen wir uns fast schon wie zu Hause fühlten.

Neuer Tag, neues Glück, und das Wetter übertraf sich jeden Tag. Bei sonnigen 20°C. fuhren wir am Donnerstag in das unglaublich süße Bergdörfchen Gourdon. Das menschenleere, mit morgendlichen Nebelschwaden durchzogene und von Souvenirläden übersäte Städtchen zu entdecken war wunderbar und besonders geeignet, um unsere künstlerischen Aufgaben zu erledigen. Und so malten und zeichneten wir mitten im Ort und stopften die leeren Magen anschließend in einer Pizzeria, welche Franzosen genauso zu mögen scheinen, wie die Deutschen.

Zurück in der Schule, besuchten wir gemeinsam den Deutschunterricht, was eine interessante Erfahrung war, da man endlich einmal jedes Wort in einem fremden Land ohne Nachzudenken verstehen konnte.

Im darauf folgenden Unterricht realisierten wir aber, dass unser Aufenthalt schon bald wieder vorbei sein würde. Im Kunstunterricht bearbeiteten wir unser Wochenthema: „L'image d'autre – das Bild des Anderen“. Plötzlich fühlte es sich eigenartig an, bald schon wieder fort zu müssen. Weg von den vielen Erkenntnissen und Erfahrungen, die wir aus der kurzen Zeit mitnehmen konnten. Dennoch machten wir uns fleißig an die Arbeit, um den Anderen, also unseren Korrespondenten, in einem Bild festzuhalten. Dabei spielten sein Charakter, seine Hobbys, seine Familie, der Ort und die Schule eine zentrale Rolle.

Der Gedanke des Abschieds verankerte sich immer mehr in unseren Köpfen, weshalb sich die meisten nochmal trafen, um den Nachmittag gemeinsam zu verbringen, egal ob man zum Poetry Slam oder zum Crepes essen ging. Die gemeinsame Zeit war unwiderruflich.

Und schon stand der letzte Tag vor der Tür, was uns mit Trauer erfüllte. Wie gern hätten wir die gleiche Woche noch einmal erlebt oder wären eine Woche länger bei unseren Gastfamilien geblieben. Wir besuchten noch einmal den Straßenmarkt in Vence und genossen all die Gerüche, die Architektur, Boulespieler, Baskenmützen, Baguettes, so klischeehaft wie es auch klingen mag. In der Schule arbeiteten wir dann weiter an unseren Bildern und bereiteten eine kleine Ausstellung mit allen Werken vor. Gemeinsam entdeckten wir über die entstandenen Kunstwerke, wie uns der Andere wohl wahrgenommen hat, um festzustellen, dass wir Freunde gefunden haben, die wir nicht so leicht vergessen können. Mit allen Beteiligten werteten wir das Projekt aus: französisch-deutsche Unterschiede, negative und positive Aspekte der Reise.

Und jetzt sollte es schon losgehen? Zurück in das zu diesem Zeitpunkt wieder verregnete, kalte Deutschland? Mit tausenden Umarmungen, letzten Abschiedsfotos, Küsschen rechts, links und Mercis, fiel uns der Abschied umso schwerer. Aber es hieß nun mal „Au revoir!“. Doch in jedem „au revoir“ steckt „wir werden uns wiedersehen!“ und das werden wir ganz sicher. Der Rückaustausch ist schon geplant. Wir freuen uns schon jetzt riesig, unseren neu gewonnenen Freunden Deutschland und unsere Kultur näher zu bringen, und sie wieder in den Arm nehmen zu können. Der Schüleraustausch nach Frankreich wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben, genauso wie die Kultur, die Kunst und die Sprache.

 

Text: Lisa Trebs

Fotos: LK Kunst / Hettenhausen / Eichler

 

 

 

 

Exkursionen des LK-Kunst und des Kunstkreises im Schuljahr 2013:



Kunstvermittlung und Treffen mit den Künstlern Laetitia (Strasbourg), Maeshelle (UK) und Falk (Leipzig) anlässlich des Herbstrundgangs der Spinnereigalerien Leipzig 2012



Ausstellungs- und Atelierbesuche „Linde-now 2012“ / Künstlerinterview mit Nans Quetel (F)



Dunkelkammerworkshop „Fotogramme“ im Atelier von Margret Hoppe (Leipzig)



Kunstaktion „exorciste“ im fugitf–Atelier

Letzte Aktualisierung: am 30.04.2014 - 10:47 Uhr durch Kunstkreis