Das Atelier als WG auf Zeit

"Das Paradies ist nebenan": Ergebnisse einer deutsch-französischen Kunstkooperation ist im Westpol zu sehen

Zu sehen ist eigentlich nichts auf Kévin Monots Bild. Die kleine Tafel aus Karton ist schmutzigweiß. Ein hellbrauner Streifen hebt sich leicht ab, als wäre eine dünne Flüssigkeit heruntergelaufen. Bleichmittel, Kaffee und Aquarell werden als Materialien einer Arbeit aufgeführt, die nichts abbildet. Mit dem Verzicht auf einen Titel und die Platzierung am Fußboden stellt Monot sogar den Charakter eines autonomen Kunstwerkes in Frage.
Wenige Schritte weiter haben Schüler des Wiprecht-Gymnasiums Groitzsch eine Kabine mit Fotos von Atelierbesuchen gestaltet. Dazwischen sind Fragen platziert, unter anderem: Was ist Kunst? Anlass ihres Projekts war die zeitweilige Zusammenarbeit von je vier französischen und deutschen Künstler im Duo, die sie dabei beobachtet haben. Ausgewählt wurden die Beteiligten von den beiden in der Spinnerei ansässigen Residenz-Programmen LIA und Fugitiv.
Auch wenn solch eine Konstellation nach Konzept klingt, ist in der Ausstellung davon nicht allzu viel zu merken. Im Westpol, einem für die Kunstpräsentation wunderbar geeigneten großen Raum unter dem Dach des Westwerkes an der Karl-Heine-Straße, sind Malereien und Zeichnungen zu sehen, die zwar nicht die ganze Bandbreite dieser beiden Genres abdecken können, aber doch einige Grenzpfähle einrammen.
Wie stark die drei Monate der Kollaboration die Arbeitsweisen beeinflusst haben, und wer in diesen vier Paarungen wen in seine Richtung gezogen hat, ist schwer nachvollziehbar, da die Zusammenstellung der Ateliergemeinschaften offenbar schon von geistigen Verwandtschaften ausgegangen ist. Harte Konfrontationen fallen also aus.
So wirkt ein Materialbild von Stefan Schessel, das zwischen drei Arbeiten von Monot platziert wurde, als bilde es mit diesen eine gemeinsame Installation. Auch Schessels andere Arbeiten reduzieren sich wie die des Franzosen auf die ästhetische Wirkung nur minimal bearbeiteter Oberflächen.
Einen Gegenpol stellen die Bilder von Stefan Guggisberg und Jérôme Zonder dar. Beide zeichnen oder malen gegenständlich mit der Tendenz zum Erzählen kleiner Geschichten. Da ist immer etwas surreale Verfremdung mit drin, gerade bei Zonder wird zudem den Grat zum Kitsch nicht nur gestreift, sondern lustvoll überschritten.
Im gemäßigten Mittelfeld bewegen sich Marceau Couve und Christian Herzig. Couve verteilt abstrakte Elemente auf monochromen Untergründen, teil malerisch hingewischt, teils klar begrenzt, an Skizzen für Choreografien erinnernd oder Partituren Neuer Musik Auch Herzig füllt Flächen. Bei ihm sind die Objekte aber eindeutig als Blumen und kleine Tiere identifizierbar, die er wie bei einem orientalischen Teppich dicht an dicht anordnet.
Am ernstesten haben wohl Jochen Plogsties und Anaïs Goupy die Zusammenarbeit genommen. Ihre Bilder sind gemeinsam signiert. Wie viel dabei Goupy beigetragen hat, bleibt offen. Die Arbeiten sind das, was man von Plogsties, dem LVZ-Kunstpreisträger von 2012, seit Jahren gewohnt ist. Also auf den ersten Blick gegenständliche Malerei, in der Aneignung von Vorlagen aus der älteren und jungen Kunstgeschichte aber eher konzeptionell angelegt.
Die Behauptung des Ausstellungstitels, das Paradies liege nebenan, lässt sich auf die grenzüberschreitende Arbeitsweise beziehen. Doch für die Gymnasiasten aus dem Leipziger Südraum kann mit dem Statement auch der Beruf des Künstlers gemeint sein. Wer sonst darf eine Profession ausüben, deren Gegenstand und Grenzen sich nicht definieren lassen?
Jens Kassner

Das Paradies ist nebenan / Le Paradis est à côté bis 5. Mai; Do-Sa, von 16-20 Uhr, Westpol, Karl-Heine-Str. 85

Kunst-Kooperation im Leipziger Westpol - Anaïs Goupy und Jochen Plogsties: "I am in love 2" Foto: Jens Kassner

LVZ, 23.04. 2013

Letzte Aktualisierung: am 26.04.2013 - 07:29 Uhr durch Karla Korb