Forum zum Rechtsextremismus in Groitzsch

Groitzsch. Er ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das hat Bernd Merbitz wohl den Job als Landespolizeipräsident in Sachsen gekostet. Am Freitag stellte er beim Forum mit zwei 11. Klassen im Wiprecht-Gymnasium Groitzsch klar: „Wenn jemand glaubt, dass der Rechtsextremismus sich wieder gibt, der irrt gewaltig. Der Rechtsextremismus ist ein Problem." Über dieses speziell im Landkreis wollten er, die Landtagsabgeordneten Petra Köpping (SPD) und Heike Werner (Die Linke) sowie Andreas Rauhut vom Flexiblen Jugendmanagement mit den Schülern ins Gespräch kommen. Trotz der reichlich 100 Minuten passierte das kaum.

Die 16-/17-Jährigen gaben sich eher zurückhaltend, so dass die Gäste das Wort führten. Anregung für Initiatorin Köpping waren Äußerungen von Jugendlichen bei einem früheren Besuch gewesen, dass sie bestimmte Orte im Kreis meiden und teils Angst haben, sich abends draußen aufzuhalten. Darauf ging diesmal keiner ein. Erst gegen Ende des Forums sprachen Gymnasiasten davon, dass sich Rechtsextreme in Groitzsch abends im Sebastianshof treffen. „Die Nazis bei uns sind Anfang, Mitte 20. Das geht aber auch in die Eltern-Generation", hieß es. Natürlich kenne er/sie einige. „Aber aufs Gymnasium geht oder ging keiner", sagte ein Schüler. Was Merbitz, Polizeipräsident und Leiter der Polizeidirektion Leipzig, einwerfen ließ: „Ich warne davor, dass Rechtsextreme nur Deppen sind." Früher habe es das Klischee des blöden Schlägers gegeben. Es seien aber jetzt häufig intelligente Menschen im Anzug. „Sie zu unterschätzen, ist ein schlimmer Fehler."

Schwerpunkte von NPD und Freien Kräften im Freistaat sind Nordsachsen und der Landkreis Leipzig, sagte Merbitz. „Den Rechten ist es gelungen, den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu schaffen." Doch da, warf Rauhut ein, werde das Problem oft nicht erkannt und angegangen, weil es Verfilzungen gebe bis in Behörden. Als „national befreite Zone" (Rechten-Jargon), wo Linke, Migranten und Behinderte verfolgt würden, galt früher Wurzen, was nun nicht mehr so sei. „Heute sind es Colditz und teilweise Geithain", so Rauhut. Merbitz, einst Chef der Soko Rex (Sonderkommission Rechtsextremismus), sagte, dass (s)ein Konzept zum Kampf gegen Rechtsextremismus derzeit im Innenministerium begutachtet werde. „Da geht es um Prävention und Repression", deutete er an.

Schulleiterin Irina Salewski drängte sich das Bild eines Obstkuchens auf. „Geredet und gehandelt wird nur wegen des Belags. Der Teig wird nicht angerührt", sagte sie. Unterrichtsausfall, der nicht als solcher erfasst wird, gerade im Fach Ethik/Religion, sei ein Problem. Ein anderes die geschlossene Gesellschaft in Deutschland. „In vielen Staaten und Erdteilen wachsen Kinder verschiedener Schichten miteinander auf, auch ehemalige Ausländer und Behinderte", hatte sie bei Reisen erkannt. Worauf Köpping und Werner erklärten, bei der Bildungs- und der Jugendpolitik in Sachsen würden die Oppositionsparteien weiter Druck machen.
 
Gesprächsrunde zum Thema Rechtsextremismus im Gymnasium mit den Landtagsabgeordneten Heike Werner (Linke, v. l.) und Petra Köpping (SPD) sowie Andreas Rauhut vom Flexiblen Jugendmanagement und Polizeipräsident Bernd Merbitz. Foto: M. Bierende
LVZ, 16.11.2012
Letzte Aktualisierung: am 17.03.2013 - 20:22 Uhr durch Karla Korb